21.09. – 29.09. Belém – Serra da Capivara – Fortaleza

Von Belém gings mit dem Nachtbus nach Teresina, der Hauptstadt des Bundesstaats Piaui. Dort übernahmen wir ein Mietauto, mit dem wir São Raimundo nonato ansteuerten, von wo wir die verschiedenen Exkursionen in die beiden Nationalparks „Serra da Capivara“ und „Serra das Confusões“ unternehmen wollen.von Teresina nach São Raimundo nonato sind es ca. 530 Kilometer, für die wir mit einer kleinen Pause fast 8 Stunden benötigten. Der Zustand der Straßen nötigte Arno doch einigen Respekt ab. Die Schlaglöcher (buracos) auf/in brasilianischen Straßen sind legendär, zumindest unter den Brasilienkennern, und haben teilweise gigantische Ausmaße. Die Ausblicke auf die Natur während der Fahrt bereitete uns auf das vor,was uns in den Nationalparks erwartete.Kurz außerhalb Teresinas beginnt die Landschaft und Vegetation der Caatinga, einer Dornenstrauchsavanne, die dem Nordosten Brasiliens den Namen gibt. Da es kaum Mutterböden gibt, wachsen die meisten Pflanzen direkt auf dem Fels oder im Geröll. Die Brasilianer sprechen von rupestrischer Vegetation, die von überwiegend Trockenheit geprägt ist. Grün findet sich nur an schattigen Plätzen oder an Flußläufen. Die Niederschlagsmenge/Jahr beträgt etwa 600 mm. „Regenzeit“ ist hauptsächlich Dezember und Januar, wobei die Auswirkungen bis in den April spürbar sind. Die Savanne wandelt sich in grüne und üppig blühende Natur, wovon wir natürlich im September nichts mitbekommen haben. Ganz im Gegenteil, es beginnt die heißeste Periode mit Temperaturen zwischen 40 u. 45 Grad Celsius – im Schatten, versteht sich! Unsere erlebten Spitzen lagen bei 40 Grad, was die Erwartungen überstieg. Entsprechend hoch war der Wasserbedarf und -verbrauch. Doch in die Serra da Capivara sind wir nicht wegen der hohen Temperaturen gefahren, sondern um die Ursprünge und Zeugnisse der menschlichen Zivilisation auf dem südamerikanischen Kontinent östlich der Anden in Augenschein zu nehmen.

Serra da Capivara

der Nationalpark ist nicht nur dieses, sondern auch Weltkulturerbe. Begründet wurde der Park durch die Arbeit und Ausdauer der franko-brasilianischen Archäologin Niède Guidon. Seit 1973 arbeitet und leitet sie die Grabungen und Katalogisierungen der archäologischen Fundstellen. An über 930 Stellen, die sich auf einer Fläche von etwas mehr als 900 km2 befinden (in etwa die Größe von Hamburg), wurden bisher prähistorische Felszeichnungen entdeckt, von denen etwa 700 fertig katalogisiert wurden. Ca. 200 Stellen sind für Besucher frei gegeben, die mit geprüften Führen, die Ausbildung dauert 10 Monate, erreicht werden können. Das Alter der Zeichnungen erreicht bis zu 17000 Jahre, wobei das Gros der Zeichnungen zwischen 12 und 6 tausend Jahre alt ist. Das Alter wurde mit dem Thermo-Luminizenz-Verfahren ermittelt, da mangels Kohlenstoff an den Malereien das C14-Verfahren nicht anwendbar ist. Bei dem angewendeten Luminizenzverfahren werden die Steine der Feuerstellen bei den Fundstätten auf die Energiespuren der letzten Erhitzungen hin untersucht. Liebe Leser, sie werden sicherlich feststellen, dass ich mich in die Gefahr begebe, mich in Technika zu verlieren, doch anders kann ich die Bedeutung dieses Weltkulturerbes nicht beschreiben. Nur die Felszeichnungen geben keine direkte Auskunft zu ihrer eigentlichen Bedeutung. Aufgrund der ungeheuren Anzahl an Zeichnungen – es sind über 30.000! – entstand bei mir ein Overkill visueller Eindrücke, mehr oder weniger monochrom rot durch die Verwendung von Eisenoxid zur Zeichnung gestaltet, auf Sedimentgesteinen. Einige werde ich dem geneigten Leser in Folge zeigen:natürlich haben wir nicht alle Zeichnungen gesehen, nur einige Hundert. Fotos habe ich dazu genügend, die der Zuordnung zu den besuchten Stellen und vielleicht auch zu einzelnen Themen der Darstellung warten. Bei Interesse zeige ich gerne mehr davon, bitte mich dazu ansprechen.

Mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit hat Dr. Guidon die bisher geltende Besiedlungstheorie des amerikanischen Kontinents über die Behringstraße am Ende der letzten großen Eiszeit vor ca. 15.000 Jahren widerlegt. Innerhalb von knapp 3.000 Jahren wird sich der Mensch nicht soweit vom Norden des Kontinents in den mittleren Teil des Südkontinents vorgearbeitet haben können. Unter der Fundstelle der zuvor gezeigten Felszeichnungen wurde von den Archäologen weiter gegraben. Dort wurden Feuerstellen ausgegraben, deren älteste und am tiefsten im Erdreich vergrabene auf über 100.000 Jahre datiert wird Das sieht alles so profan aus, und ist es vielleicht auch. Nur durch die Widerlegung der bisherigen Besiedlungstheorie Amerikas, bekommt diese Stelle eine eher „andächtige“ Bedeutung. Zeigt sie doch, dass die Besiedlung des Kontinents sich ganz anders abgespielt haben muss. In anderen Zeitepochen und in ungeahnter Dramatik. Jedenfalls hat Dr. Guidon in versteinerten Kotresten von ehemaligen Bewohnern, ca. 8.000 Jahre alt, Larven von Krankheitserregern gefunden, die es ausschließlich nur in Teilen von Afrika gibt. Über versteinerte Speisereste, tierische Knochen, gefunden an den Siedlungsstellen, wurde mittels der C14 Radiokarbonmethode bis zu einem Alter von 40.000 Jahren zurückgeschlossen. Woher diese Menschen wirklich kamen ist unbewiesen und mystisch. Jedenfalls lebten hier Menschen zu bisher nicht vorstellbaren Zeiten. Das macht mich sprachlos, weil es so unvorstellbar ist. Nicht bezüglich dieser Orte, sondern generell, Menschheit bezogen. Wohlgemerkt, es handelt(e) sich um Spezies des Homo Sapiens, nicht des älteren Homo Neanderthalensis. Die ältesten gefunden Knochen des Homo Sapiens in Südamerika sind ca. 8.000 Jahre alt, nur.

Doch zurück zu den Felsmalereien. Es sind nicht die ältesten Zeichnungen, die gefunden wurden, wohl aber die mit der größten Aussage zum sozialen Leben der damaligen Bewohner der Serra da Capivara. Im Gegensatz zu den europäischen Funden sind die Darstellungen eher plakativ, weniger fein ausgemalt. Dafür sind sie lebhafter und differenzierter zu den Tätigkeiten und zur Lebensweise der Menschen. Sex, rituelle Handlungen, Streit und Zuneigung sind Themen, neben der Darstellung von jagbarem Wild der damaligen Fauna. Die Darstellungen der sexuellen Tätigkeiten beinhalten in jedem Fall einen Mann oder mehrere Männer mit erigiertem Phallus in mehr oder weniger eindeutigen Posen zu den BezugsobjektenGeburtRitus und TanzStreit und KampfZeichnungen zur Fauna

Im Gegensatz zur Vielfalt der damaligen Fauna, die alle Lebewesen der Tropen und Subtropen des amerikanischen Südkontinents aufzeigte, wahrscheinlich war auch die Flora ähnlich üppig, ist das Getier heute eher eingeschränkt. Über die Flora berichtete ich ja bereits, teilweise. Da bedarf es noch einwenig mehr an Erläuterungen. Doch kurz zurück zur heutigen Tierwelt. Im Nationalpark leben Jaguar, Puma, einige Affenarten, eher kleinere, bis auf den Macaco pregoder Holz als Werkzeug benutzt, Schlangen, grüne Kobra, Jararaca, kleines und großes Gürteltierin der Caatinga endemische Arten, wie der Mocóeinem zwischen Hasen und Meerschwein stehenden Säuger, der sich hauptsächlich von Blättern der grün führenden Bäume ernährt (der Kot und Urin gefährdet teilweise Felszeichnungen) und dem Lagarto-de-costas-vermelhaswobei der rote Rücken des Weibchens den Namen gibt. weiter gibt es eine große Anzahl an Vögeln bei denen der Königsgeier (Ururu Rei) und der grüngeflügelte rote Ara genannt sein wollen. Beide Arten sind bedroht und wir haben im Park auch keine gesichtet, dafür einige andere, einen Buntspecht (Pic-a-Pau)Sputenähnliche Schreitvögel und weitere mehr oder weniger bunte Genossen der fliegenden Zunftletztere kleben wie Fledermäuse am Fels in einer canyonartigen Schlucht.

Zur Vegetation ist zu bemerken, dass die Serra da Capivara zwischen den Flusssystemen des Rio São Franzisco im Süden und des Rio Piaui Nordwesten und Norden liegt. Diese Lage beeinflusst die Vegetation in den Schluchten und Canyons deutlich. Während im nördlichen Teil, im Umfeld des „Olho da Água“, der einzigen Quelle im gesamten Parkgebiet, amazonische Regenwaldvegetation (Floresta Amazônica) wächstwachsen in den Schluchtsystemen des südlichen Nationalparks Gewächse des atlantischen Regenwaldes (Mata Atlântica)die das Wasser aus dem Grundwasser beziehen, im Gegensatz zum Hochland im Norden, verfügt der Süden über solche Reservoirs, die durch den Niederschlag in der kurzen Regenzeit gespeist werden und die, durch die vor der direkten Sonneneinstrahlung geschützte Lage in den engen Schluchten, vor schneller Austrocknung verschont sind – auch der ständige Wind im Hochland kommt nicht in die Niederungen der Canyons. Am Ende eines langen Canyons lag noch ein nicht vollständig ausgetrocknet kleines Wasserloch, in dem es Fische gab – welche Verschwendung und Absurdität der Natur

Wie bereits zuvor geschrieben, besteht die Landschaft hauptsächlich aus Sedimentgesteinen aus verschiedenen erdzeitlichen Epochen. In Schichten übereinandergespresst, mal amorpher, mal kristalliner und gerölliger. Eigentlich ist die Serra da Capivara eine Hochebene (Chapada), in die sich die Flüsse hinein gefressen haben und so die Schluchten und etwas weiteren Täler gebildet haben. Zu Zeiten der Felszeichnungen war das Gebiet üppigst begrünt und sehr wasserreich. Heute als Trockensavanne erodiert das Gebirge durch die äolischen Kräfte. Es geht ständig ein mittelmäßiger Wind, der den Sand, entstanden durch Erosion, als Schleifmittel um die Gesteine bläst, so dass diese im wahrsten Sinne sandgestrahlt werden und weiter erodieren. Es bilden sich so skurile Gebilde und Formationen

Auf und an den kahl geblasenen Felsen, nahezu ohne Krume, krallen sich die verschiedenen genügsamen Pflanzen wie verschiedenste Bromelien und Kakteen, Sträucher und genügsame Bäume

Zum Abschluss unserer Nationalpark Exkursion in den Süden Piauis möchte ich noch ein paar Bilder unseres Ausflugs in die Serra das Confusões zeigen. Dort sind wir einen sehr schmalen und ziemlich tiefen Canyon hin und zurück durchwandert, ca. 3 km lang, oneway. Mit einem überraschenden und faszinierenden Ende. Der Einstieg war nicht ohne weiteres zu erkennen.über ein paar Leitern gelangten wir auf den Grund und folgten dem Trockenen Flusslauf. Anfangs noch etwa 50 m breit und leicht zu begehen. Schon bald kamen die ersten Engpässe, mit verlocktem Treibholz der vergangenen Regenzeiten. Schließlich war das Flussbett nicht breiter als max. 10 m. Über weite Strecken durchschritten wir Höhlen mit und ohne Öffnungen an der Decke, die Sonnenlicht durch ließenauf dem feuchten Sand fanden wir frische Spuren eines Jaguars und seiner Welpen, was natürlich unsere Anspannung und Neugier etwas anfachte. Leider, oder zum Glück?, hatten wir keine Begegnung mit den Tieren. Doch am Ende des Canyons bot sich uns eine ÜberraschungDer zuvor sehr schmale Lauf weitete sich nach der Umrundung eines großen Felsblocks zu einem wunderbaren tropischen Garten, lichtdurchflutet und erfüllt von einer unglaublichen Stille und Ruhe. Gerne hätte ich dort längere Zeit zugebracht ……..

Nach 7 ereignisreichen Tagen und knapp 2.000 km im Auto erreichten wir wieder Teresina, wo wir nach einer kurzen Nacht am nächsten Morgen den Bus nach Fortaleza bestiegen. Nach gut 11 stündiger Fahrt erreichten wir die Hauptstadt von Ceará, die wir gleich am nächsten Morgen wieder in Richtung Strand verließen. Davon wird der nächste Blogbeitrag berichten.

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